Zehntscheune Schlüsselfeld – Geschichte und heutige Nutzung
Die Zehntscheune Schlüsselfeld gehört zu den geschichtsträchtigen Gebäuden der Stadt. Direkt am westlichen Ende des Marktplatzes bildet sie gemeinsam mit dem heutigen Rathaus ein historisches Ensemble. Was im 17. Jahrhundert als fürstbischöfliche Zehntscheune entstand, wurde über Jahrhunderte immer wieder anders genutzt. Heute befindet sich in dem denkmalgeschützten Gebäude ein moderner Bürgersaal, der unter anderem für Kulturveranstaltungen, Sitzungen, Feiern und Trauungen genutzt wird.
Damit verbindet die Zehntscheune auf besondere Weise die Geschichte Schlüsselfelds mit dem heutigen gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt.
Was ist die Zehntscheune in Schlüsselfeld?
Eine Zehntscheune diente ursprünglich dazu, Abgaben aufzunehmen und zu lagern. Der sogenannte Zehnt wurde früher häufig nicht in Geld, sondern in Form landwirtschaftlicher Erzeugnisse entrichtet. Getreide und andere Naturalien mussten daher gesammelt und über längere Zeit aufbewahrt werden. Dafür entstanden an vielen Orten große Speichergebäude.
Auch die Zehntscheune in Schlüsselfeld erfüllte über lange Zeit diese Aufgabe. Sie gehörte zum damaligen würzburgischen Amtshaus und damit zur Verwaltung des Fürstbistums Würzburg. Das ehemalige Amtshaus ist heute das Rathaus der Stadt Schlüsselfeld. Die unmittelbar daran anschließende Zehntscheune und das Rathaus entstanden als zusammengehörige Anlage.
Die Adresse des historischen Ensembles lautet Marktplatz 5, 96132 Schlüsselfeld.
Die Entstehung der Zehntscheune Schlüsselfeld im 17. Jahrhundert
Schlüsselfeld gehörte seit 1396 vollständig zum Fürstbistum Würzburg. Die fürstbischöflichen Amtsleute hatten ihren Sitz zunächst in der Wasserburg Thüngfeld. Im frühen 17. Jahrhundert entstand schließlich unmittelbar am Schlüsselfelder Marktplatz ein neues Amtshaus.
Das Amtshaus wurde 1625 und 1626 errichtet. Kurz darauf folgte in den Jahren 1627 und 1628 die Zehntscheune. Beide Gebäude waren von Anfang an miteinander verbunden und offenbar als gemeinsames Ensemble geplant. Unter Teilen des Amtshauses und der Zehntscheune befinden sich Gewölbekeller mit einem gemeinsamen Zugang.
Das Erdgeschoss der Zehntscheune sowie der Gewölbekeller wurden massiv aus Stein gebaut. Darüber befand sich der eigentliche Scheunen- und Speicherbereich. Untersuchungen im Vorfeld des späteren Umbaus zeigten, dass die ursprüngliche Konstruktion vergleichsweise einfach gehalten war: Außenmauern und das mächtige Dach bestimmten zunächst den oberen Gebäudeteil.
Ob dies von Anfang an so vorgesehen war oder der Dreißigjährige Krieg einen weiteren Ausbau verhinderte, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Ab 1631 erreichten die Auswirkungen des Krieges auch den Steigerwald und Schlüsselfeld.
Umbau und Erweiterung im 18. Jahrhundert
Eine bedeutende Veränderung erlebte die Zehntscheune Schlüsselfeld im 18. Jahrhundert. In den Jahren 1746 und 1747 wurde im Obergeschoss das noch heute auffällige Balkenwerk eingebaut.
Damit erhielt das Innere wesentlich stärker die Struktur, die das Erscheinungsbild der historischen Räume bis heute prägt. Gleichzeitig wurde die Erschließung des Gebäudes verbessert und der Verbindungsbau zwischen Amtshaus und Scheune verändert.
Trotz dieser Umbauten blieb die ursprüngliche Funktion erhalten: Die Zehntscheune wurde weiterhin als bischöfliche Zehntscheune genutzt. Historische Reparaturrechnungen bestätigen, dass das Gebäude über lange Zeit dieser Aufgabe diente.
Vom Fürstbistum Würzburg zum bayerischen Forstamt
Die politischen Veränderungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bedeuteten auch für die Zehntscheune einen tiefen Einschnitt.
Nach wechselnden Herrschaftsverhältnissen während der napoleonischen Zeit wurde Schlüsselfeld 1810 endgültig bayerisch. Damit gingen auch die früheren fürstbischöflichen Gebäude in eine neue Nutzung über.
Aus dem ehemaligen würzburgischen Amtshaus und der Zehntscheune wurde eine bayerische Oberförsterei. Sie war zunächst dem Forstamt Ebrach unterstellt. Im Jahr 1885 wurde Schlüsselfeld schließlich Sitz eines selbstständigen Forstamtes. Der Forstmeister wohnte im ehemaligen Amtshaus.
Auch die Zehntscheune wurde vom Forstamt und seinen Bewohnern genutzt. Die Anlage hatte dabei nicht nur Verwaltungsfunktion. Aus Unterlagen von 1912 geht hervor, dass zum damaligen Forstamt neben acht Bewohnern auch zwei Pferde und sechs Stück Großvieh gehörten. Das Anwesen wurde damit teilweise auch landwirtschaftlich genutzt.
Die Zehntscheune sollte sogar abgerissen werden
Dass die Zehntscheune heute noch steht, war zeitweise keineswegs selbstverständlich.
Ende der 1950er Jahre war erneut eine größere Sanierung erforderlich. Das zuständige Landbauamt wollte diese Arbeiten offenbar nicht mehr übernehmen. Gleichzeitig erklärte die Forstverwaltung, dass sie die Zehntscheune eigentlich nicht benötige.
Daraufhin wurde sogar ein Abriss des historischen Gebäudes erwogen.
Gerettet wurde die Zehntscheune letztlich aus einem sehr nüchternen Grund: Die Kosten des Abrisses hätten in keinem vernünftigen Verhältnis zum möglichen Erlös aus dem Verkauf der Baumaterialien gestanden. Das Gebäude blieb deshalb erhalten. 1960 wurde die Zehntscheune schließlich dem Forst zugeschlagen.
Aus heutiger Sicht war diese Entscheidung ein Glücksfall für Schlüsselfeld.
Die Stadt Schlüsselfeld übernimmt das Anwesen
Eine weitere entscheidende Veränderung brachte die bayerische Gebietsreform der 1970er Jahre. Zum 1. Mai 1978 entstand die heutige Stadt Schlüsselfeld aus neun ehemals selbstständigen Gemeinden.
Die vergrößerte Stadtverwaltung benötigte mehr Platz. Das damalige Rathaus mit lediglich drei Verwaltungsräumen reichte dafür nicht mehr aus.
Bereits am 28. Juni 1977 kaufte die Stadt Schlüsselfeld das ehemalige Forstamtsanwesen mit Amtshaus und Zehntscheune. Das Forstamt war zuvor nach Höchstadt an der Aisch verlegt worden. Das ehemalige Amtshaus wurde zum Rathaus umgebaut.
Für die Zehntscheune begann dagegen zunächst ein völlig anderes Kapitel.
Vom historischen Speicher zum städtischen Bauhof
In die ehemalige Zehntscheune zog der Bauhof der Stadt Schlüsselfeld ein. Dafür waren umfangreiche Veränderungen erforderlich.
Aus früheren Stallungen und landwirtschaftlich genutzten Räumen entstanden Werkstätten und Garagen. In die Westwand wurden große Tore eingebaut. Auch die historischen Gewölberäume im Erdgeschoss wurden durch größere Durchgänge miteinander verbunden.
Die oberen Geschosse blieben dagegen weitgehend in ihrer historischen Form erhalten. Das führte im Laufe der Zeit zu praktischen Problemen. Der Zugang war umständlich und die Nutzung für einen modernen Bauhof zunehmend unwirtschaftlich. Materialien mussten teilweise von außen durch Türen oder Fenster in die oberen Bereiche gebracht werden.
Diese Situation führte schließlich dazu, erneut über die Zukunft des Gebäudes nachzudenken.
Der Weg zum Bürgersaal
Im Jahr 2012 zog der städtische Bauhof in einen modernen Neubau in der Debersdorfer Straße. Damit wurde die Zehntscheune frei – und zum ersten Mal seit langer Zeit stellte sich die Frage, wie das historische Gebäude dauerhaft sinnvoll genutzt werden könnte.
Die Planungen dafür hatten bereits einige Jahre zuvor begonnen. In der zweiten Jahreshälfte 2009 entwickelte ein Arbeitskreis ein Nutzungskonzept. Anschließend wurde ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben.
Im Januar 2011 setzte sich der Entwurf des Bamberger Architekten Christoph Gatz durch. Ziel war es, aus der ehemaligen Scheune einen modernen Bürgersaal zu machen und zugleich möglichst viel von der historischen Bausubstanz sichtbar zu erhalten. Auch der bis dahin vor allem als Betriebshof und Parkplatz genutzte Rathaushof sollte neu gestaltet werden.
2014 begannen die eigentlichen Umbauarbeiten.
Historische Mauern und moderne Architektur
Beim Umbau stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich ein mehr als 380 Jahre altes Gebäude für heutige Anforderungen öffnen lässt, ohne seinen Charakter zu verlieren.
Das Ergebnis verbindet alte Mauern und historische Holzkonstruktionen mit einer zurückhaltenden modernen Gestaltung. Im Erdgeschoss entstanden unter anderem ein Trauzimmer, Foyer, Küche und Toiletten. Im Obergeschoss wurde der eigentliche Bürgersaal mit moderner Veranstaltungstechnik eingerichtet.
Besonders prägend ist bis heute das historische Balkenwerk. Die kräftigen Holzstützen und Balken machen die frühere Funktion als Speichergebäude auch nach dem Umbau noch unmittelbar erkennbar.
Der Umbau der Zehntscheune zum Bürgersaal wurde im Januar 2016 abgeschlossen. Am 17. Januar 2016 erfolgte die offizielle Einweihung und Übergabe. Die Stadt bezeichnet diesen Umbau als die bislang größte Veränderung in der Geschichte der Zehntscheune.
Die Sanierung des Ensembles aus Rathaus und Bürgersaal wurde in mehreren Bauabschnitten weitergeführt. Die Bayerische Architektenkammer führt das Gesamtprojekt „Sanierung Rathaus und Bürgersaal Zehntscheune“ mit einer Fertigstellung im Dezember 2019 und nahm es in die Architektouren 2020 auf.
Die Zehntscheune Schlüsselfeld heute
Heute ist die Zehntscheune Schlüsselfeld eine öffentliche Einrichtung der Stadt und einer der wichtigsten Veranstaltungsräume im historischen Zentrum.
Der Bürgersaal wird unter anderem für Stadtratssitzungen, Ausschusssitzungen, Versammlungen und Tagungen genutzt. Darüber hinaus stehen die Räume für zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung.
Nach der Benutzungsordnung der Stadt sind unter anderem Firmenevents, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Konzerte, Ausstellungen, Literaturlesungen, Theateraufführungen und Kleinkunst vorgesehen.
Damit hat sich die Funktion des Gebäudes grundlegend gewandelt: Wo einst Naturalabgaben gelagert und später Fahrzeuge und Geräte des Bauhofs untergebracht wurden, finden heute Konzerte, Kulturveranstaltungen und Zusammenkünfte statt.
Auch das aktuelle Kulturprogramm der Stadt zeigt, dass die Zehntscheune regelmäßig genutzt wird. Im Jahr 2026 stehen beziehungsweise standen dort beispielsweise Kabarett, Musikveranstaltungen und Konzerte auf dem Programm. Stadtratssitzungen finden ebenfalls im Bürgersaal beziehungsweise in der Zehntscheune statt.
Auch der Hof der Zehntscheune wird für Veranstaltungen genutzt. Bei geeigneter Witterung finden dort beispielsweise Aufführungen unter freiem Himmel statt.
Ein Stück Schlüsselfelder Stadtgeschichte
Die Zehntscheune ist heute weit mehr als ein erhalten gebliebenes Wirtschaftsgebäude aus dem 17. Jahrhundert. Ihre wechselnden Nutzungen spiegeln mehrere Jahrhunderte Schlüsselfelder Geschichte wider.
Fürstbischöfliche Verwaltung, Zehntwesen, Forstamt, Landwirtschaft, städtischer Bauhof und schließlich Kultur- und Bürgerzentrum – kaum ein anderes Gebäude der Stadt hat einen vergleichbaren Wandel erlebt.
Gerade diese Verbindung macht die Zehntscheune Schlüsselfeld besonders: Die historische Substanz wurde nicht lediglich konserviert, sondern für eine neue Nutzung geöffnet. Mehr als 380 Jahre nach ihrer Errichtung ist die ehemalige Scheune damit wieder ein lebendiger Bestandteil der Stadt.
Wer heute eine Veranstaltung im Bürgersaal besucht, an einer Trauung teilnimmt oder durch den Rathaushof geht, befindet sich zugleich an einem Ort, der eng mit der Entwicklung Schlüsselfelds verbunden ist.
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